Kambodscha mit seinen vom Dschungel überwucherten, jahrtausendealten Tempelanlagen von Angkor Wat und einer vor Blut und Gewalt triefenden Geschichte erweist sich in Phnom Penh Noir als stimmungsvoller Tummelplatz für ausländische Glücksritter, Söldner, desillusionierte und äußerst gewaltbereite Überlebende des Khmer-Regimes und zwielichtige Sextouristen. Es wird verraten, gefoltert und gemordet, mit wertvollen Antiquitäten, Drogen und menschlichen Föten gedealt – kurz gesagt: es wird sich und anderen das Leben so schwer wie möglich gemacht. Vor diesem atmosphärischen Hintergrund spielen sich die kleineren und größeren Tragödien ab, von denen in den einzelnen Kurzgeschichten der vorliegenden Anthologie erzählt wird.
Die Noir Anthologie aus Phnom Penh erinnert thematisch und von der Aufmachung her stark an die Akashic Noir Serie aus den USA, in deren Rahmen bereits 73 (!) Werke veröffentlicht wurden. 1996 von Johnny Temple, einem Musiker aus dem Dischords/Fugazi-Umfeld gegründet, hat sich Akashic Books der Independentliteratur verschrieben. Ihre Noir Serie begann mit Brooklyn Noir und beinhaltet inzwischen auch so exotische Titel wie z.B. Delhi Noir oder Havana Noir. Die Idee ist ebenso simpel wie genial: Es werden kurze Geschichten verschiedener Autoren zusammengestellt, die alle die Gemeinsamkeit haben, dass sie in einer bestimmten Stadt oder Gegend spielen. So entsteht ein schlaglichtartiges, meist düsteres Porträt der jeweiligen Stadt und ihrer Bewohner sowie den dortigen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Die Kurzgeschichte (im Stile der amerikanischen short story), eine meiner Meinung nach häufig unterschätzte literarische Form, kommt in diesem Format so richtig zur Geltung und lässt auch etablierten Autoren mehr Freiräume für unkonventionelle oder experimentelle Ideen als ihr großer Bruder, der Roman. Die Konzentration auf die lineare Darstellung eines zentralen Ereignisses sorgt zudem für meist kurzweiliges Lesevergnügen (auch wenn „Vergnügen“ angesichts der geschilderten Verbrechen nicht immer das richtige Wort ist). Dabei kommt meine These über das Wesen des Noir Genres zum Tragen: Das Verbrechen in seiner Genese bzw. seiner Auflösung steht nicht unbedingt – wie bei einem klassischen Kriminalroman – im Vordergrund, sondern dient den Autoren lediglich als handlungskonstituierendes Element. Anhand der durch das Verbrechen angestoßenen Handlung beleuchten sie jeweils unterschiedliche Aspekte: Die Psyche des Täters zum Beispiel oder die soziale Bedingtheit von Verbrechen; die bis in die heutige Zeit reichenden Auswirkungen der Barbarei der Roten Khmer oder die zerstörerischen Folgen von Missbrauch. Im Grunde genommen ist jede Noir Erzählung (nicht nur in diesem Band) eine Studie vom Menschen und dem menschlichen Wesen an sich.
Die Autorenliste von Phnom Penh Noir ist bunt gemischt, es finden sich sowohl vielversprechende Newcomer aus Kambodscha oder Thailand darauf als auch alte Hasen wie James Grady (Die drei Tage des Condor) und John Burdett. Christopher G. Moore, der seit Jahren in Kambodscha lebt und arbeitet, kann getrost als Kenner der dortigen Literaturlandschaft bezeichnet werden und beweist bei der Zusammenstellung der Geschichten ein gutes Händchen.
Besonders lebendig wirken die Erzählungen natürlich, wenn man Kambodscha oder Phnom Penh schon einmal bereist hat, aber auch für alle anderen stellt die Anthologie unabhängig davon spannende und einfach gut gemachte Lektüre bereit. Zudem geht der Erlös aus den Verkäufen zu 20 Prozent an gemeinnützige Einrichtungen in Kambodscha – reading for a cause sozusagen. Außerhalb des asiatischen Marktes ist dieses Buch, das bislang leider nur auf Englisch erschienen ist, wohl ein echter Geheimtipp.
Originaltitel: „Phnom Penh Noir“. Heaven Lake Press, Thailand 2002.
Links:
http://www.akashicbooks.com/subject/noir-series/

