James Anderson – Desert Moon

IMG_20191101_090016~2

Ein 100 Meilen langer Abschnitt der State Road 117 ist der Arbeitsplatz von Ben Jones, der mit seinem Lieferwagen Tag für Tag die weit verstreut lebenden Bewohner der Wüste mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Für die meisten seiner von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation abgeschnittenen Kunden ist er die einzige Verbindung zum Rest der Welt. Sie alle haben gute Gründe, warum sie in Abgeschiedenheit leben und die Gesellschaft anderer Menschen meiden. Da sind die beiden seltsamen Brüder, die seit Jahrzehnten in ihrem wie ein Gefängnis eingerichteten Eisenbahnwaggon hausen oder der Prediger John, der ein riesiges Holzkreuz entlang eines verlassenen Highways schleppt. Fixpunkt für Ben und die Handlung des Romans ist der seit 1972 nur noch gelegentlich geöffnete „Well-Known Desert Diner“ von Walt Butterfield, einst beliebter Drehort für Filmproduktionen, den dieser nach einer Tragödie schließt, aber wie seine beeindruckende Motorradsammlung penibel in Schuss hält.

Eines Tages hält Ben an einer verlassenen Geisterstadt, einem Bauprojekt, das nie beendet wurde, und entdeckt zufällig eine nackte Frau, die auf einem Cello ohne Saiten „spielt“. Obwohl er nicht besonders neugierig ist, geht ihm die mysteriöse Frau nicht mehr aus dem Kopf und er versucht, mehr über sie zu erfahren. Claire, die sich hier vor ihrem Ehemann und einem unschönen Scheidungskrieg versteckt, lässt sich nach anfänglichem Zögern auf eine Liebesbeziehung mit dem zurückhaltenden Ben ein. Als immer mehr Fremde auftauchen und den eintönigen Alltag an der State Road 117 stören, ahnt Ben, dass an dieser Sache mit dem Cello und Claire mehr dran ist, als diese preiszugeben bereit ist. Chronisch pleite sieht er sich schließlich mit einer Mordanklage konfrontiert und er ist gezwungen zu handeln – unverhoffte Unterstützung erhält er von der altersweisen, schwangeren 17jährigen Ginny, die zwischenzeitlich bei ihm Unterschlupf sucht und sich auf ihren Schulabschluss vorbereitet.

James Andersons poetische und gleichzeitig packende Darstellung der Wüste, ihrer alttestamentarischen Brutalität und Schönheit gleichermaßen macht sie zum eigentlichen Hauptakteur in diesem ungewöhnlichen Country Noir, in dem keine tumben Hinterwäldler, sondern komplexe, vielschichtige, aber allesamt gebrochene Charaktere gezeigt werden. Nach und nach setzen sich die einzelnen Puzzle-Teile plausibel zusammen und ergeben ein Ganzes. Die mitreißende Geschichte über Liebe, Verlust und Gewalt wird vom Ich-Erzähler auch in den spannenden Momenten jederzeit ruhig, humorvoll und mit selbstironischen Tönen vorgetragen.

Originaltitel: „The Never-Open Desert Diner“. Caravel Mystery Books 2015. Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke. Polar Verlag, Stuttgart 2018.

Links:

http://www.polar-verlag.de/desert-moon/

http://www.jamesandersonauthor.com/

 

 

Hinterlasse einen Kommentar