Autor: conrad

James Anderson – Desert Moon

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Ein 100 Meilen langer Abschnitt der State Road 117 ist der Arbeitsplatz von Ben Jones, der mit seinem Lieferwagen Tag für Tag die weit verstreut lebenden Bewohner der Wüste mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Für die meisten seiner von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation abgeschnittenen Kunden ist er die einzige Verbindung zum Rest der Welt. Sie alle haben gute Gründe, warum sie in Abgeschiedenheit leben und die Gesellschaft anderer Menschen meiden. Da sind die beiden seltsamen Brüder, die seit Jahrzehnten in ihrem wie ein Gefängnis eingerichteten Eisenbahnwaggon hausen oder der Prediger John, der ein riesiges Holzkreuz entlang eines verlassenen Highways schleppt. Fixpunkt für Ben und die Handlung des Romans ist der seit 1972 nur noch gelegentlich geöffnete „Well-Known Desert Diner“ von Walt Butterfield, einst beliebter Drehort für Filmproduktionen, den dieser nach einer Tragödie schließt, aber wie seine beeindruckende Motorradsammlung penibel in Schuss hält.

Eines Tages hält Ben an einer verlassenen Geisterstadt, einem Bauprojekt, das nie beendet wurde, und entdeckt zufällig eine nackte Frau, die auf einem Cello ohne Saiten „spielt“. Obwohl er nicht besonders neugierig ist, geht ihm die mysteriöse Frau nicht mehr aus dem Kopf und er versucht, mehr über sie zu erfahren. Claire, die sich hier vor ihrem Ehemann und einem unschönen Scheidungskrieg versteckt, lässt sich nach anfänglichem Zögern auf eine Liebesbeziehung mit dem zurückhaltenden Ben ein. Als immer mehr Fremde auftauchen und den eintönigen Alltag an der State Road 117 stören, ahnt Ben, dass an dieser Sache mit dem Cello und Claire mehr dran ist, als diese preiszugeben bereit ist. Chronisch pleite sieht er sich schließlich mit einer Mordanklage konfrontiert und er ist gezwungen zu handeln – unverhoffte Unterstützung erhält er von der altersweisen, schwangeren 17jährigen Ginny, die zwischenzeitlich bei ihm Unterschlupf sucht und sich auf ihren Schulabschluss vorbereitet.

James Andersons poetische und gleichzeitig packende Darstellung der Wüste, ihrer alttestamentarischen Brutalität und Schönheit gleichermaßen macht sie zum eigentlichen Hauptakteur in diesem ungewöhnlichen Country Noir, in dem keine tumben Hinterwäldler, sondern komplexe, vielschichtige, aber allesamt gebrochene Charaktere gezeigt werden. Nach und nach setzen sich die einzelnen Puzzle-Teile plausibel zusammen und ergeben ein Ganzes. Die mitreißende Geschichte über Liebe, Verlust und Gewalt wird vom Ich-Erzähler auch in den spannenden Momenten jederzeit ruhig, humorvoll und mit selbstironischen Tönen vorgetragen.

Originaltitel: „The Never-Open Desert Diner“. Caravel Mystery Books 2015. Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke. Polar Verlag, Stuttgart 2018.

Links:

http://www.polar-verlag.de/desert-moon/

http://www.jamesandersonauthor.com/

 

 

Christopher G. Moore – Phnom Penh Noir

Christopher G. Moore - Phnom Penh Noir

Kambodscha mit seinen vom Dschungel überwucherten, jahrtausendealten Tempelanlagen von Angkor Wat und einer vor Blut und Gewalt triefenden Geschichte erweist sich in Phnom Penh Noir als stimmungsvoller Tummelplatz für ausländische Glücksritter, Söldner, desillusionierte und äußerst gewaltbereite Überlebende des Khmer-Regimes und zwielichtige Sextouristen. Es wird verraten, gefoltert und gemordet, mit wertvollen Antiquitäten, Drogen und menschlichen Föten gedealt – kurz gesagt: es wird sich und anderen das Leben so schwer wie möglich gemacht. Vor diesem atmosphärischen Hintergrund spielen sich die kleineren und größeren Tragödien ab, von denen in den einzelnen Kurzgeschichten der vorliegenden Anthologie erzählt wird.

Die Noir Anthologie aus Phnom Penh erinnert thematisch und von der Aufmachung her stark an die Akashic Noir Serie aus den USA, in deren Rahmen bereits 73 (!) Werke veröffentlicht wurden. 1996 von Johnny Temple, einem Musiker aus dem Dischords/Fugazi-Umfeld gegründet, hat sich Akashic Books der Independentliteratur verschrieben. Ihre Noir Serie begann mit Brooklyn Noir und beinhaltet inzwischen auch so exotische Titel wie z.B. Delhi Noir oder Havana Noir. Die Idee ist ebenso simpel wie genial: Es werden kurze Geschichten verschiedener Autoren zusammengestellt, die alle die Gemeinsamkeit haben, dass sie in einer bestimmten Stadt oder Gegend spielen. So entsteht ein schlaglichtartiges, meist düsteres Porträt der jeweiligen Stadt und ihrer Bewohner sowie den dortigen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Die Kurzgeschichte (im Stile der amerikanischen short story), eine meiner Meinung nach häufig unterschätzte literarische Form, kommt in diesem Format so richtig zur Geltung und lässt auch etablierten Autoren mehr Freiräume für unkonventionelle oder experimentelle Ideen als ihr großer Bruder, der Roman. Die Konzentration auf die lineare Darstellung eines zentralen Ereignisses sorgt zudem für meist kurzweiliges Lesevergnügen (auch wenn „Vergnügen“ angesichts der geschilderten Verbrechen nicht immer das richtige Wort ist). Dabei kommt meine These über das Wesen des Noir Genres zum Tragen: Das Verbrechen in seiner Genese bzw. seiner Auflösung steht nicht unbedingt – wie bei einem klassischen Kriminalroman – im Vordergrund, sondern dient den Autoren lediglich als handlungskonstituierendes Element. Anhand der durch das Verbrechen angestoßenen Handlung beleuchten sie jeweils unterschiedliche Aspekte: Die Psyche des Täters zum Beispiel oder die soziale Bedingtheit von Verbrechen; die bis in die heutige Zeit reichenden Auswirkungen der Barbarei der Roten Khmer oder die zerstörerischen Folgen von Missbrauch. Im Grunde genommen ist jede Noir Erzählung (nicht nur in diesem Band) eine Studie vom Menschen und dem menschlichen Wesen an sich.

Die Autorenliste von Phnom Penh Noir ist bunt gemischt, es finden sich sowohl vielversprechende Newcomer aus Kambodscha oder Thailand darauf als auch alte Hasen wie James Grady (Die drei Tage des Condor) und John Burdett. Christopher G. Moore, der seit Jahren in Kambodscha lebt und arbeitet, kann getrost als Kenner der dortigen Literaturlandschaft bezeichnet werden und beweist bei der Zusammenstellung der Geschichten ein gutes Händchen.

Besonders lebendig wirken die Erzählungen natürlich, wenn man Kambodscha oder Phnom Penh schon einmal bereist hat, aber auch für alle anderen stellt die Anthologie unabhängig davon spannende und einfach gut gemachte Lektüre bereit. Zudem geht der Erlös aus den Verkäufen zu 20 Prozent an gemeinnützige Einrichtungen in Kambodscha – reading for a cause sozusagen. Außerhalb des asiatischen Marktes ist dieses Buch, das bislang leider nur auf Englisch erschienen ist, wohl ein echter Geheimtipp.

Originaltitel: „Phnom Penh Noir“. Heaven Lake Press, Thailand 2002.

Links:

http://phnompenhnoir.com/

http://www.akashicbooks.com/subject/noir-series/

 

Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss

Lansdale - Die Wälder am Fluss

Texas, Anfang der Dreißigerjahre: Das Leben ist hart, die Sitten und der Umgangston sind rau, Farbige nach wie vor Menschen zweiter Klasse. Der 11jährige Harry Crane und seine Schwester jagen in den sumpfigen Wäldern Eichhörnchen, um den Speiseplan aufzubessern. Bei Anbruch der Dunkelheit machen sie eine verstörende Entdeckung: Die grausam verstümmelte und mit Stacheldraht an einen Baumstumpf gefesselte Leiche einer schwarzen Frau. Schnell steht für sie fest, dass nur der mysteriöse „Ziegenmann“, der abergläubischen Erzählungen der Dorfbewohner zufolge in den Wäldern am Fluss sein Unwesen treiben soll, für die Tat verantwortlich sein kann. Harrys Vater, der in Marvel Creek Friseur und Gesetzeshüter in Personalunion ist, nimmt die Ermittlungen auf. Dabei zieht er sich den Unmut des Ku-Klux-Clans zu, da es sich bei dem Opfer doch „nur“ um eine Schwarze gehandelt habe. Als jedoch weitere Frauenleichen auftauchen und auch Weiße darunter sind, gerät die Situation außer Kontrolle. Angst, Misstrauen und Hass vergiften die Atmosphäre und entladen sich in einem Akt von Lynchjustiz, bei dem ein Unschuldiger vom rassistischen Mob getötet wird. Da der Fall seinen Vater völlig überfordert, macht sich Harry selbst auf die gefährliche Suche nach dem Mörder. In den schrecklichen, aber gleichzeitig auch spannenden Wochen, die zur Entlarvung des Täters führen, streift er seine kindliche Weltsicht nach und nach ab und wird zum Mann.

Joe R. Lansdale hat sich in den USA als Urheber fantastischer Horrorromane und klassischer Hard-Boiled-Krimis (allen voran die Hap-und-Leonard-Serie) einen Namen gemacht und zahlreiche Preise eingeheimst. Zwei seiner Bücher dienten bereits als Vorlage für erfolgreiche Verfilmungen (Bubba Ho-Tep 2000 und Cold in July 2014). In Deutschland wird er, meiner Meinung nach völlig zu Unrecht, als ewiger Geheimtipp von einem Verlag zum anderen weitergereicht. Mit Die Wälder am Fluss stellt er eines seiner bislang stärksten Werke vor.

In Die Wälder am Fluss verbindet Lansdale in einer wilden, aber jederzeit harmonischen Mischung das Beste der verschiedenen Genres: Im Prinzip handelt es sich um eine klassische Coming-of-Age-Story, wunderbar eingebettet in eine schauerlich-schöne Abenteuergeschichte, die von der Atmosphäre her an Tom Sawyer und Huckleberry Finn erinnert, vor der die Krimianteile in den Hintergrund treten. Dabei zeichnet Lansdale im Stile William Faulkners ein lebhaftes, aber düsteres Bild des Lebens in Texas zur Zeit der Großen Depression: Die Menschen leiden unter der allgemeinen finanziellen Knappheit, die keine sozialen Unterschiede macht. Der Tod ist allgegenwärtig und auch für die Kinder kein Unbekannter mehr. Auch 70 Jahre nach dem Ende der Sklaverei fristen die Farbigen ein bemitleidenswertes Dasein, schikaniert von bösartigen und kleingeistigen Hinterwäldlern, die im „Moonshine“-Rausch ihre Frauen verprügeln. Gewalt und moralische Verrohung breiten sich aus wie eine Seuche. Dazwischen kämpft der liberal denkende Constable Crane wie Don Quichotte gegen die dumpfe Denke seiner Mitmenschen und steht den unvermittelten Gewaltausbrüchen meist hilflos gegenüber. Sein Sohn Harry, vom Vorbild seines aufrechten Vaters beeinflusst, weigert sich, Aberglauben und Rassismus zu akzeptieren und geht seinen eigenen Weg. So stellt sich dem Düsteren die kindlich-aufgeklärte Sicht des Protagonisten und das Märchenhafte der sumpfigen Landschaft entgegen, weshalb der Roman nie ins Depressive oder Nihilistische abrutscht. Zudem wird die Handlung intelligent (stellenweise auch witzig) erzählt und kulminiert in einem spannenden, mitreißenden Finale.

Lansdale erweckt mit seiner kraftvollen, präzisen Sprache, die gleichermaßen realistisch als auch fantastisch-märchenhaft wirkt, die Schauplätze vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben, ohne dabei die Handlung oder die Atmosphäre zu vernachlässigen. Überhaupt ist die packende Stimmung für den Roman mindestens genauso wichtig wie die Handlung selbst und sorgt dafür, dass man das Buch nach der Lektüre nicht einfach so aus den Kleidern schüttelt. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher von Lansdale.

Originaltitel: „The Bottoms“. Mysterious Press, New York 2000. Aus dem Englischen von Mariana Leky. DuMont, Köln 2004.